Jugendszenario "Full of Curiosity"

14.-17. Oktober 2010 in Baden/Wien – und das teatro der BAKIP Salzburg ist dabei

Bei der Wiederaufnahme von Jura Soyfers "Der Weltuntergang" ("einmalige" Aufführung am 1. 2. 2008) am 13. November 2009 im Rahmen der Salzburger Theaterwoche konnte man noch nicht ahnen, dass dieses Stück im Herbst 2010 immer noch auf dem Spielplan der Schultheatergruppe steht – und noch dazu, dass es richtungsweisend wird für ein ganzes Festival, in dem sich professionelles Jugendtheater einem jungen Publikum und Symposiums-Teilnehmern aus ganz Österreich präsentiert.

Um ein Theaterstück – dargeboten von Schülern – über einen langen Zeitraum zu spielen, bedarf es eines langen Atems, gilt es ja, die Spannung zu halten und die Bilder, Rollen und den Text lebendig zu gestalten. Die Um- und Nachbesetzungen der Wiederaufnahme ergeben sich aufgrund verschiedener Lebensumstände der jungen SchauspielerInnen, schenken dem Stück eine besondere Nuance, verleihen ihm eine neue "Tiefe und Präsenz" in der jeweiligen Überarbeitung. Insgesamt wurde "Der Weltuntergang" von Jura Soyfer siebenmal in der kompletten Text-Fassung (Dauer: 1,75 Stunden) auf der Theaterbühne der BAKIP gespielt.

Aber was passiert, wenn man ein Begleitheft, eine "Hommage an Jura Soyfer" in Druck gibt und dieses Heft als Grundstein sieht für ein mögliches Projekt (die Verbundenheit der Franziskanerinnen von Vöcklabruck mit Kasachstan/Ukraine ist nicht nur geografisch) mit dem Arbeitstitel "Making World"? Der Titel ist an die Biennale 2009 in Venedig angelehnt, und natürlich gilt es das fehlende "s" zu interpretieren (aber nicht in diesem ZEITungsartikel)! Wer ist dieser Autor (am 8. 12. 1912 in Charkow/Ukraine geboren, in Zeiten des Bürgerkrieges und der Pogrome über Istanbul geflohen nach Wien, 26 jährig im KZ Buchenwald an Typhus verstorben), dessen Text gerade heute so aktuell ist? Die jungen Spielerinnen und Spieler konnten einem interessierten Publikum plausibel erklären, warum es wichtig ist, Jura Soyfers Stück, das sich nur dem oberflächlichen Betrachter als "antiquiert" und nicht zeitgemäß zeigt, immer noch zu spielen. Denn die großen Themen – Abhängigkeit, Scheuklappendasein, Mitläufertum, Untergangsstimmung (Endzeitszenario resignativ: real und "reell") wie auch Visionen von Frieden, Arbeit, Demokratie, Solidarität … zugleich verbunden mit dem weltweiten Ansteigen der Gewaltbereitschaft, Ausbeutung der Ressourcen, Verarmung, Zukunftsentwürfe – haben vor allem im 21. Jahrhundert Bedeutung.

"Full of Curiosity" ist dieses Jahrhundert. Und trotzdem war es nicht dieser faszinierende Titel, weshalb ich mich nach 26 Jahren Tätigkeit als Lehrerin für DSP mit meiner Truppe auf Theaterfahrt begab, um mich in ein Festival zu stürzen. Immerhin haben sich 13 junge teatro-SchülerInnen von der 2. bis zur 5. Klasse gemeldet, die bereit waren – sozusagen im Rekordtempo (vom 4. -14. Oktober!) – die letzte (auch mobile!) Neufassung des "Weltuntergangs" (50-60 Minuten=Festivalzeit – und keine Minute länger!) zu erarbeiten. "Full of Curiosity" war meine Motivation: 2 Druckfehler im Theaterheft (Brot statt Tod), die Spannung, ob man ausgewählt wird (immerhin haben sich 40 Gruppen beworben und nur 8 wurden genommen!), und eine Truppe, die sich erst als Gruppe "stabilisieren" muss. Dass das gesamte Unterfangen eine spannende Fahrt ins Ungewisse, verbunden mit dem Hauch von Abenteuer, bedeutete, versteht sich von selbst.

Für Jura Soyfer war Baden bei Wien die 1. Station seiner Emigration, für uns war das Jugendtheaterfestival in Baden (man kann nur "träumen" von der Biondek-Bühne, die "alle technischen Möglichkeiten" bietet) nicht nur "Full of Curiosity" ("Hochleistungsdruck" vor und während der Aufführung, konzentriertes Erleben der anderen 7 Produktionen (besonders beeindruckend: die Konfrontation mit dem deutsch-slowenischen Jugendstück "Korosko kolo" und die Dramatisierung von "Krabat"), Feedback-Runden im Plenum, Reflexionen in Kleingruppen, Workshop-Teilnahme (Physical Theater) und gemeinsames Feiern bis tief in die Nacht …), sondern bot uns die Möglichkeit "hautnah" zu erleben, welche Kraft dem "Theater" innewohnt, und dass besonders dem Jugendtheater (von Jugendlichen und für Jugendliche) ein hoher Stellenwert zukommt.

Wir werden noch viel Zeit brauchen, um all die Erfahrungen dieser 4 Tage zu "verarbeiten", so viel sei einstweilen gesagt: Es gibt da ein Stück ("Der Weltuntergang" von Jura Soyfer, Dauer 60 Minuten) – und es lässt sich "verpacken in einen Koffer", der sich auf die Reise begibt. "Making World" ist nur der Arbeitstitel für etwas, das durch das gemeinsame Spielen entsteht.

Mag. Christine Schlechter

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Zuletzt geändert: 22.4.2012 – thomas.meusburger@bakip-salzburg.at